Reflex von Frauen: sich selbst vor anderen rund machen.
Seit Jahrzehnten unterrichte ich Bauchtanz â neben meinem Hauptjob als Texterin.
Oft! Oft habe ich in dieser langen Zeit erlebt, dass sich meine Teilnehmerinnen beim Lernen einer neuen Bewegung lautstark selbst verpetzen, wenn sie einen Move nicht SOFORT so abspielen können, dass er in ihren Augen gut aussieht.
Gestern Abend wieder. Da verhöhnte sich eine bildhĂŒbsche 30-JĂ€hrige: âWoah, meine Bodywave sieht ja aus wie Quasimodo!â
Alle lachten und begannen auf Knopfdruck, an sich selbst herumzumÀkeln.
Was Frauen im Tanzunterricht ĂŒber sich selbst sagen
Oder eine 50-Kilo-Teilnehmerin, die mir unter vier Augen erzĂ€hlte, dass sie sich schon ihr gesamtes Leben fĂŒr ihren Bauch schĂ€men wĂŒrde. Um ihn zu verbergen, ziehe sie seit Jahrzehnten permanent den RĂŒcken nach hinten und lasse die Schultern extra so n’bisschen schlampig hĂ€ngen.
Eine andere Teilnehmerin erklĂ€rte im Unterricht, dass sie es mental einfach nicht schaffen wĂŒrde, die Arme weit zur Seite zu öffnen. Brustbein raus, Lunge frei, Kopf hoch, tĂ€nzerisch im Raum prĂ€sent sein? Ging nicht. Sie fĂŒhlte sich zu groĂ, zu wahrnehmbar.
Eine weitere Teilnehmerin kam jahrelang jede Woche ins Training und begrĂŒĂte uns mit dem GestĂ€ndnis, wie viele Kilos sie ihrer Meinung nach in den vergangenen sieben Tagen zugelegt habe.
Selbstbeschimpfungen sind keine Einzelbeispiele, sondern die Regel. Aber mal ehrlich: Was soll dabei rauskommen, wenn wir so ĂŒber unseren Körper denken? Spoiler: RĂŒckenschmerzen zum Beispiel. Und eine zusĂ€tzliche Investition in das breite Portfolio von psychischen Belastungen, die wir entwickeln, wenn wir uns stĂ€ndig einreden, wir seien nie perfekt.
Wo kippt Selbstironie in Selbsthass?
Aber wie kommen wir eigentlich darauf, uns dafĂŒr zu bestrafen, dass eine Bewegung, die unser Körper noch nie in seinem Leben ausgefĂŒhrt hat, nicht sofort Weltklasse aussieht? Wo dieses faszinierende biologische Wunderwerk in dem Moment doch voll damit beschĂ€ftigt ist, neue Nervenverbindungen, neue Koordination, neue Raumvorstellungen auszuprĂ€gen?
Warum watschen wir uns standardmĂ€Ăig fĂŒr unser vermeintliches Unvermögen ab, statt begeistert auf NeuroplastizitĂ€t und auf den Prozess zu vertrauen?
Viele sagen: âJetzt komm schon! Man muss doch auch mal ĂŒber sich lachen können.â
Ja, das muss man. Aber dann möchte ich zum Ausgleich auch mal hören, dass sich jemand lautstark lobt oder wenigstens ein bisschen stolz auf sich ist.
Und auĂerdem ist es so schwer zu sehen, an welchem Punkt unsere Selbstironie in Selbsthass kippt. Wir alle sind Teil einer Gesellschaft, die gerade bei Frauen zum Be- und Abwerten neigt. Und wir selbst steigen voll in dieses Game ein. Nicht nur andere bewerten uns und werten uns ab â sondern auch wir selbst.
Enabeln wir uns gegenseitig!
Ich wĂŒnsche mir so sehr eine Welt, in der wir akzeptieren, dass Gehirn und Körper beim Lernen neuer Dinge Zeit brauchen.
Gestern jedenfalls habe ich meine MĂ€dels herausgefordert, sich selbst zwei Minuten lang in der vermeintlichen HĂ€sslichkeit des Moments ernstzunehmen.
Zwei Minuten lang haben wir uns mit dem transzendentalen Ernst eines Meisters auf die Bodywave eingelassen. ALLE waren an Bord. Die Ergebnisse war top.
Und bis vor Corona fĂŒtterten wir in unseren Kursen ein âSelbstbashing-Schweinderlâ: Jede, die sich selbst im Kurs abwertete, zahlte einen FĂŒnfer. Am Jahresende gab’s dafĂŒr jede Menge Prosecco. Und hey: Unsere Selbstbeschimpfungen wurden wirklich weniger.
Meine Mission im letzten Drittel meiner BerufstĂ€tigkeit? Im Tanzen so vielen Menschen wie möglich ein realistischeres, wertschĂ€tzenderes Körperbild anzubieten und kreative MöglichkeitenrĂ€ume fĂŒr Neues zu eröffnen.
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âĄïž Hier findet ihr alle meine Bauchtanz-Kurse online oder in PrĂ€senz in Rosenheim. Ich freu mich mega auf euch!
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